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10. Mai, IWF-Sitz in Washington: Christine Lagarde (l.) bei einer Dringlichkeitssitzung mit Argentiniens Finanzminister Nicolas Dujovne (r.)  | © Getty Images

Argentinien Hoffnungsträger vor dem Abgrund

Der Leitzins wurde jüngst auf 40 Prozent erhöht, jetzt hat die Staatsregierung in Buenos Aires einen Hilferuf an den IWF gerichtet. Wie reagiert Argentiniens Aktienmarkt?

11.05.2018 - 14:53 Uhr | Von:  in Aktien

Vor wenigen Tagen, Anfang Mai kam die schockierende Nachricht: Die argentinische Notenbank erhöht ihren Leitzins auf 40 Prozent. Dabei schien sich die wirtschaftliche Lage im Land seit der Regierungsübernahme von Mauricio Macri vor zwei Jahren zum Besseren gewendet zu haben. Der argentinische Präsident hatte mit seinen Reformen von Steuern und Rente, Kapitalmarkt und Arbeitsgesetzen der staunenden Weltöffentlichkeit gezeigt, dass mit marktwirtschaftlichen Reformen nicht nur Wachstum entsteht – sondern auch Wahlen gewonnen werden. Bei den Kongresswahlen zum Jahreswechsel hatte die Regierungspartei Propuesta Republicana überraschend deutlich Sitze hinzugewinnen können.

Lob von Lagarde

Weil Argentinien Ende 2017 die G20-Präsidentschaft von Deutschland übernommen hat, fand Ende März in Buenos Aires das Gipfeltreffen der Finanzminister und Notenbanker führender Industrie- und Schwellenländern (G20) statt. IWF-Präsidentin Christine Lagarde äußerte sich auf dem G-20-Treffen positiv über den Gastgeber. Die Reformen, die Präsident Macri in den ersten beiden Jahren seiner Regierungszeit erreicht habe, seien „erstaunlich“.

Ganz anders schätzte hingegen die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Lage ein: Es sei verwunderlich, dass Lagarde Lobesworte für ein Land findet, das unverändert Defizite von 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Staatshaushalt und 5 Prozent in der Leistungsbilanz ausweist und in dem eine Inflationsrate von rund 25 Prozent mit steigender Tendenz gemessen wird.

Die „FAZ“ war offenbar näher an der Wahrheit als die IWF-Chefin: Vor wenigen Tagen wendete sich Macri in einer kurzen Rede an die Öffentlichkeit, die wahrscheinlich die schwerste seiner bisherigen Amtszeit war. Macri: „Ich habe mich entschieden, Gespräche über Finanzhilfen mit dem Internationalen Währungsfonds aufzunehmen.“ In einem Telefonat mit Christine Lagarde habe die IWF-Chefin ihm versichert, rasch Verhandlungen über einen Kredit zu beginnen. „Wir gehen den einzigen gangbaren Weg, um dem Stillstand zu entkommen und eine große Wirtschaftskrise zu verhindern, die uns allen schaden würde", so Macri.

Börse fällt deutlich zurück

Argentiniens Aktienmarkt spiegelte schon in den vergangenen Monaten das sich zuspitzende Dilemma. Seit Ende Januar ging es mit den Kursen abwärts. Argentiniens führender Aktienindex Merval fiel von 35.000 Punkten auf knapp unter 29.000 Punkte. In den beiden Jahren zuvor war der Index noch rasant gestiegen. Seit Januar 2016 hatte sich der Preisanstieg von 10.000 Punkten auf die genannten 35.000 Zähler bewegt. Doch auf Monatssicht schlägt aktuell ein Minus von mehr als 12 Prozent zu Buche. Insbesondere Finanzwerte gerieten unter Druck: Banco Macro rutschte auf Monatssicht um knapp 30 Prozent auf den Stand aus dem Dezember 2016 ab. Schlimmer traf es die Banco Francés: Von mehr als 5 Euro Ende Dezember am Börsenplatz Stuttgart auf aktuell 2 Euro, mit einem Tief von 1 Euro Anfang März. Einziger Lichtblick: Nach dem Bekanntwerden der Gespräche zwischen Macri und Lagarde über eine milliardenschwere Kreditlinie dreht der Merval um 6 Prozent beziehungsweise rund 1.700 Punkte wieder nach oben.

„Wir stehen erst am Anfang der Umwandlung Argentiniens“, hatte der Präsident nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses im Dezember 2017 gesagt und sah sich in seinem wirtschaftsliberalen Reformkurs bestätigt. Jetzt hat es den Anschein, als ob sich die damalige Prophezeiung unglücklich bewahrheitet.