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Jerome Powell bei einer Rede in der Banque de France, Paris: Nach einem kurzen Versuch, die Geldpolitik zu normalisieren, wird diese wieder gelockert | © Getty Images

Flossbach von Storch zur Geldpolitik Überraschungspotenzial im Sommerloch

Wachsende Handels- und geopolitische Spannungen und sinkende Inflationserwartungen lassen Marktteilnehmer eine Rückkehr zur monetären Lockerung erwarten. Die anstehenden geldpolitischen Entscheidungen von EZB und Fed haben das Potenzial, den Markt zu überraschen.

24.07.2019 - 15:40 Uhr | in Artikel

Das Wirtschaftswachstum im Euroraum und in den USA verlangsamt sich seit mehreren Quartalen. Insbesondere die wirtschaftliche Lage des verarbeitenden Gewerbes hat sich sichtbar verschlechtert, wobei auch der Dienstleistungssektor an Wachstumsdynamik verloren hat. Es gibt keinen einzigen Grund für diese Abschwächung, aber einer der wichtigsten Faktoren ist zweifellos die anhaltende Spannung in handels- und geopolitischen Fragen.

Auch die Inflationserwartungen in den USA und im Euroraum haben sich nach dem Höchststand Mitte 2018 deutlich abgeschwächt. Da die Inflationserwartungen ein wichtiger Leistungsindikator für die EZB und die Fed sind, um die Wirksamkeit ihrer Geldpolitik zu beurteilen, erwarten die Marktteilnehmer nun weitgehend, dass beide Zentralbanken ihre politische Haltung in Richtung Entspannung verlagern.

Wie viel Überraschung könnte es geben?

Diese wachsenden Erwartungen wurden bereits durch vorläufige, wenn auch unzutreffende Ankündigungen von EZB-Präsident Mario Draghi in seiner Rede in Sintra am 18. Juni und durch den Vorsitzenden der Fed, Jerome Powell, in seiner Stellungnahme vor dem Bankenausschuss des US-Senats am 11. Juli bestätigt.

Obwohl ein breiter Marktkonsens darüber besteht, dass beide Zentralbanken ihre geldpolitischen Strategien bei den bevorstehenden geldpolitischen Entscheidungen anpassen werden, bleibt noch genügend Spielraum für Überraschungen für die jeweiligen Lockerungsgrade.

Im Falle der EZB ist die marktimplizierte Wahrscheinlichkeit für das Ausbleiben einer Zinsänderung von fast 100 Prozent vor der Sintra-Rede auf etwa 55 Prozent danach gesunken, was der (verbleibenden) Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung um 10 Basispunkte Raum gegeben hat. Dies wiederum bedeutet, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer nach wie vor nicht erwartet, dass die EZB die Zinsen am 25. Juli tatsächlich senkt – auch wenn sie dies für spätere Treffen in diesem Jahr tut. Eine angemessene Interpretation der Wirtschaftsdaten wäre jedoch ein ausreichender Grund für die EZB, proaktiv zu handeln und den Markt mit einer sofortigen Zinssenkung zu überraschen. Eine überraschende Zinssenkung ist sicherlich weniger schmerzhaft als eine überraschende Zinserhöhung.