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Ölpumpe in Kalifornien: Ohne Deal erhöht sich das Rezessionsrisiko für die US-Wirtschaft im Jahr 2020 | © Getty Images

Handelskonflikt und Marktentwicklung Ein Kompromiss bleibt am wahrscheinlichsten

Beim Handelskrieg bleibt laut Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement bei StarCapital, weiterhin ein Kompromiss um die Jahreswende am wahrscheinlichsten: Die Chinesen werden Trump vermutlich zugestehen, die Vereinbarung als großartigen Erfolg für die USA zu verkaufen.

09.08.2019 - 10:05 Uhr | in Artikel

Was im Mai noch wie ein Krimi anmutete, entpuppt sich jetzt eher als zweiter Teil einer Tragödie. Kern der Geschichte: der Handelskrieg zwischen den USA und China. Leidtragende Hauptfiguren sind die europäischen und asiatischen Aktienmärkte. „Aber auch die US-Aktienmärkte hat es erwischt, nachdem die Chinesen ihre Währung abwerten ließen und zudem sämtliche Agrarimporte aus den USA stoppten. Im Handelskonflikt zwischen den USA und China erleben wir aktuell die Wiederholung des Drehbuchs vom Mai dieses Jahres“, sagt Manfred Schlumberger, Vorstand und Leiter Portfoliomanagement der StarCapital AG.

Chancen in schwierigen Zeiten

Nachdem Trump kurzerhand den noch gültigen Waffenstillstand beendete und Zölle in Höhe von zehn Prozent auf weitere Importe aus China über 300 Milliarden US-Dollar ab dem 1. September ankündigte, ist sich der Portfoliomanager sicher, dass in den kommenden Wochen Volatilität die größte Rolle spielt – vor allem an den Aktienbörsen. Doch darin liegt nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance: „Weitere Kursverluste sind gut möglich, sodass antizyklische Investoren wie wir (noch) nicht unter Zeitdruck stehen“, so Schlumberger. Er erläutert die Konsequenzen für StarCapital: „Wir haben nach Trumps neuen Zollankündigungen unsere Aktienquoten von eher neutralen Niveaus aus weiter reduziert. Insbesondere Exposure an den asiatischen Aktienmärkten haben wir abgebaut und die US-Märkte über Indexfutures ‚geshortet‘.“ Zuvor habe er bereits bei Fonds, deren Anlagerestriktionen es zulassen, die Bestände in langfristigen US-Staatsanleihen weiter erhöht. Außerdem freue er sich über seine Gold-, Goldminen- und Silber-Positionen.

Trump mit Achillesferse, China mit Diktatur

Der Druck auf den US-Präsidenten, einen Deal mit den Chinesen zu vereinbaren, steige von Tag zu Tag Richtung Jahresende. Denn ohne Deal erhöhe sich das Rezessionsrisiko für die US-Wirtschaft im Jahr 2020, nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer weiteren weltwirtschaftlichen Abkühlung. Schlumberger dazu: „Genau das kann Trump jedoch nicht gebrauchen, will er die Wahl im Herbst nächsten Jahres gewinnen. Seine Achillesferse besteht darin, dass dieser Umstand der chinesischen Seite bekannt ist: keine gute Grundlage für einen erfolgreichen Deal aus US-amerikanischer Sicht.“ In China zeige sich ein anderes Bild: Ohne Rücksicht auf die gewaltige Verschuldung der (Staats-)Unternehmen werde die Fiskalpolitik immer weiter hochgefahren, bei gleichzeitiger Zinssenkung, Währungsabwertung und drastisch gelockerter Kreditvergabe. Eine markante Konjunkturabschwächung in China sei nicht möglich, weil sie nicht sein darf. „Gleichzeitig wirft China die Propagandamaschine gegen den US-Imperialismus an und ‚animiert‘ zum Boykott von US-Gütern. Staatschef Xi hat sich auf Lebenszeit ‚wählen‘ lassen und muss deshalb keine Neuwahlen befürchten. Diktaturen haben viele Nachteile, aber auch einige Vorteile gegenüber Demokratien“, so der Portfoliomanager.

Europa im Risiko

Die chinesischen Stimulierungsmaßnahmen konzentrieren sich allerdings ganz auf die Binnenwirtschaft, sodass die europäische und japanische Exportindustrie wenig Unterstützung bekomme. „Die deutsche Wirtschaft muss froh sein, wenn sich die Rezession nur auf den industriellen Sektor beschränkt“, so Schlumberger. Und Europa leide noch unter weiteren Risiken: „Mit jedem Tag steigt die Gefahr, dass der ‚irrlichternde‘ Boris Johnson sein Land im Oktober in einen ungeregelten Brexit führt. Er scheint die unwahrscheinliche Hoffnung zu haben, dass die EU zu Kreuze kriecht. Alternativ glaubt er wohl mit einem geld- und fiskalpolitischen Kraftakt von chinesischen Ausmaßen, das Schlimmste für die britische Wirtschaft verhindern zu können.

Ende in Sicht?

Beim Handelskrieg bleibt in den Augen des Experten von StarCapital weiterhin ein Kompromiss um die Jahreswende am wahrscheinlichsten: „Da die chinesische Seite die besseren Karten hat, wird es für Trump ein eher schlechter ‚Fake Deal‘ sein. Vermutlich werden die Chinesen ihm erlauben, diese Vereinbarung als großartigen Erfolg für die USA zu verkaufen. Keinesfalls auszuschließen ist jedoch die Möglichkeit, dass Trump den Stolz der jahrtausendealten Kulturnation China so verletzt hat, dass die chinesische Seite ihn am Verhandlungstisch ‚verhungern‘ lässt und einen neuen US-Präsidenten Ende 2020 abwartet, um zu einer besseren Verhandlungslösung zu kommen.“ Trotz düsterer Vorzeichen und einem unbestimmten Ausgang der Geschichte versucht Schlumberger gelassen zu bleiben: „Wir sehen die Abkühlung auch als Gelegenheit für antizyklische Investments.“