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New York, 2008: Medienvertreter versammeln sich vor der insolventen Investmentbank Lehman Brothers | © Getty Images

J.P. Morgan Asset Management-Kapitalmarktstratege Tilmann Galler „Finanzkrisen wiederholen sich nie Eins-zu-eins“

Mehr als zehn Jahre sind seit der letzten großen Finanzkrise vergangen. Am Markt setzt sich die Erwartung durch, dass die Notenbanken ihre Niedrigzinspolitik beenden. Doch sind wirklich schon alle Wunden verheilt? J.P. Morgan AM-Kapitalmarktstratege Tilmann Galler erklärt im Interview, worauf Anleger achten sollten.

13.03.2018 - 11:04 Uhr | Von:  in Aktien

Herr Galler, nach einem glücklichen Start ins Jahr 2018 hat die Korrekturphase Anfang Februar einige Anleger in Sorge versetzt, dass sich das Marktumfeld fundamental ändern könnte. Wie bewerten Sie die Lage?

Tilmann Galler: Der globale Konjunkturzyklus ist zwar alt, aber noch nicht komplett ausgereift. Besonders die moderate Inflationsentwicklung signalisiert weiterhin keinen Handlungsbedarf für die Zentralbanken, die Zügel schneller anzuziehen.

Sind die Wunden der letzten Finanzkrise schon ganz verheilt?

Galler: Langsam aber sicher schließen sich die Produktionslücken und die Wirtschaft kommt wieder auf die Beine. Das ist ein ganz normaler Prozess – auch im Vergleich mit früheren Finanzkrisen. Vor allem die Folgen der geldpolitischen Normalisierung werden jedoch graduell zu spüren sein, was sich in Kursschwankungen äußert. Investoren sollten genau beobachten, ob die Märkte Überhitzungstendenzen zeigen.

Nach dem letzten Börsenkrach haben die Zentralbanken die Märkte mit Niedrigzinsen und Anleihekäufen gepolstert. Ist das gleiche Szenario noch einmal denkbar, wenn wieder eine Finanzkrise ausbricht?

Galler: Krisen wiederholen sich in aller Regel nicht. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass ihre Ursachen im Nachgang aggressiv bekämpft werden. Vor der letzten großen Finanzkrise waren Banken mangelhaft mit Eigenkapital ausgestattet und in manchen Bereichen nicht ausreichend reguliert. Im Nachgang des Crashs wurden die Gesetze verschärft. Die Finanzkrise wird sich in ihrer alten Form entsprechend nicht wiederholen können.

Wo liegen aktuell die größten Risiken an den Finanzmärkten?

Galler: Liquiditätsrisiken gilt es zurzeit besonders zu beobachten. Die Zentralbanken haben in die Märkte in den letzten Jahren mit sehr viel Liquidität versorgt und auf der Credit-Seite ist die Verschuldung von Unternehmen stark gestiegen. Das liegt natürlich auch an den Niedrigzinsen. Eine Straffung der Geldpolitik erhöht entsprechend die Gefahr von Engpässen. Zudem besteht die Gefahr, dass prozyklische Minimum-Volatility-Strategien mit starker Regelbindung eine Kettenreaktion auslösen, wenn es an den Börsen ruckelt. Die Weltwirtschaft läuft allerdings im Moment noch rund und auf Fundamentaldaten fixierte Investoren wirken als Gegengewicht zu den regelbasierten Verkäufen.

Die Inflationsraten steigen weltweit moderat – mit einigen Ausnahmen. Wie nachhaltig ist der Trend?

Galler: Da die Kerninflation weiterhin relativ stabil ist, rechnen wir für das Jahr 2018 nicht mit einer stark anziehenden Inflation. Die Risiken bauen sich jedoch langsam auf – vor allem im Rohstoffsegment. Öl ist vergangenes Jahr bereits wieder etwas teurer geworden. Sollte ein Barrel Rohöl am Jahresende wider Erwarten 80 US-Dollar kosten, könnte das jedoch den Preisauftrieb erheblich verstärken.