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Neue Roboter für eine Elektroauto-Montagestraße bei Fiat-Chrysler in Turin: Rückgang des Zinsniveaus eröffnet die Möglichkeit einer Beschleunigung des Wachstums in Italien  | © Getty Images

Metzler AM Italien könnte ein heilsamer Schock bevorstehen

Wie realistisch ist ein Kurswechsel zu einem soliden Haushalt in Italien? Hat das Land sogar eine Chance, das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen? Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management, blickt in ein wichtiges Risikoland der Eurozone.

12.07.2019 - 15:01 Uhr | in Artikel

Nach Berechnungen der OECD schwankte die Staatsverschuldung in Italien zwischen 2014 und 2018 nur gering um einen Wert von 132 Prozent des BIP. Die Verschuldungsdynamik war somit unter Kontrolle; nur das Niveau der Verschuldung war viel zu hoch – vor allem mit Blick auf das im Maastricht-Vertrag angestrebte Niveau von 60 Prozent des BIP. Damit ist und bleibt Italien ein Risikoland für eine Schuldenkrise. Italien sollte somit schnellstmöglich die Verschuldung reduzieren.

Der einfachste Weg wären deutlich niedrigere Zinsen. 2018 musste Italien einen durchschnittlichen Zinssatz von 2,9 Prozent auf alle ausstehenden Staatsschulden bezahlen. Gleichzeitig betrug das nominale Wirtschaftswachstum nur 1,7 Prozent. Ein Zinsniveau oberhalb der Wachstumsrate des nominalen BIP sorgt automatisch für steigende Staatsschulden. Nur ein Haushaltsüberschuss (vor Zinszahlungen) von 1,6 Prozent des BIP konnte einen Anstieg der Verschuldung verhindern.  

Die neue italienische Regierung erschreckte die Finanzmarktakteure jedoch seit Mai 2018 immer wieder mit Plänen, die den Haushaltsüberschuss merklich reduziert hätten. Die Folge war ein kräftiger Anstieg der Zinsen aufgrund von Bonitätssorgen. So erreichte der Zins achtjähriger italienischer Staatsanleihen mit etwa 3,3 Prozent Mitte Oktober 2018 einen Hochpunkt. Der Zins einer achtjährigen Staatsanleihe ist ein guter Indikator für die Entwicklung des durchschnittlichen Zinses aller ausstehenden Staatsanleihen. Da Italien überwiegend langlaufende Staatsanleihen emittiert hat, dauert es durchschnittlich sieben Jahre, bis sich eine permanente Zinsänderung vollständig in den durchschnittlichen Zinskosten für den italienischen Staat widerspiegelt. Auf Basis der Annahme einer stabilen Wirtschaft mit einem stabilen Haushaltsüberschuss wäre unseren Berechnungen zufolge ein permanenter Anstieg des Zinsniveaus auf 3,5 Prozent eine kritische Marke für den italienischen Staat, da in diesem Fall das vielbeachtete Niveau der Zinszahlungen auf etwa 10 Prozent der Staatseinnahmen steigen würde.

Würde der Haushaltsüberschuss jedoch merklich fallen und die Zinsen zugleich steigen, hätte das mittelfristig explosiv steigende Schulden zur Folge. Auch scheinen die Zinsen einen großen Einfluss aufs Wirtschaftswachstum in Italien zu haben. Steigt das Zinsniveau, wird es unattraktiver für Unternehmen und private Haushalte, Kredite aufzunehmen, und die Sparquote steigt tendenziell. Der Rückgang des Zinsniveaus seit Juni eröffnet somit die Möglichkeit, dass sich das Wachstum in Italien in den kommenden Quartalen beschleunigt.

Für den jüngsten Zinsrückgang dürften die Aussichten auf eine baldige Zinssenkung der EZB und auf eine Neuauflage des Wertpapierkaufprogramms verantwortlich gewesen sein. Einige Stimmen gehen sogar so weit, die Rede von EZB-Präsident Draghi im portugiesischen Sintra als eine neue „What ever it takes“-Rede zu interpretieren, die Inflation unter Einsatz aller Instrumente wieder auf 2,0 Prozent zu heben. Davon würde Italien sicherlich indirekt am meisten profitieren.

Nachdem die damals neue italienische Regierung im vergangenen Jahr bei hohen Zinsen und einer schrumpfenden Wirtschaft in den Abgrund geblickt hat, besteht nun die Hoffnung auf einen Kurswechsel zu einem soliden Staatshaushalt – mit einer wachstumsfreundlichen Politik und vertrauensbildenden Maßnahmen für die Anleiheinvestoren. Andere Länder könnten dabei als Vorbild dienen: Spanien bezahlt beispielsweise nur einen Zins von 0,48 Prozent für zehnjährige Anleihen, Portugal von 0,56 Prozent.