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Experten

Schroders

Industriestaaten: Bye bye, Zinsen!

24.10.2019 17:02 |
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 | © Getty Images

Europas Zentralbank schießt mit Platzpatronen

Ein schwacher Fertigungssektor und hartnäckig niedrige Inflationsraten haben die Pläne der Europäischen Zentralbank (EZB) durchkreuzt, ihre geldpolitische Lockerung allmählich einzustellen – ganz im Gegenteil: Als letzte Amtshandlung hat Mario Draghi angekündigt, den Einlagenzins von -0,40 Prozent auf -0,50 Prozent zu senken und das Programm der quantitativen Lockerung wiederaufzunehmen. „Zwanzig Milliarden Ankäufe monatlich sind weniger, als erwartet“, sagt Azad Zangana, Leitender Europa-Ökonom und Stratege bei Schroders. „Die Dauer bis zur nächsten Zinsanhebung übertrifft jedoch die Erwartungen. Glaubt man den Märkten im Hinblick darauf, werden die Leitzinsen erst 2026 wieder angehoben – das heißt, es gibt Anleihekäufe bis 2026!“ Weitere Zinssenkungen sind laut Zangana ebenfalls im Rahmen des Möglichen, zumindest bis die Inflation langfristig auf das Zielniveau von knapp unter zwei Prozent zurückkehrt: „Wir erwarten durchaus eine weitere Zinssenkung im Dezember auf -0,60 Prozent“, so der Europa-Ökonom.

Nicht nur die schwächelnde Wirtschaft ist der Grund für den Pessimismus der EZB – auch wenn diese ausreichend Anlass für Trübsal bietet. Vorläufige Schätzungen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Eurozone zeigen, dass sich das Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent im ersten Quartal auf 0,2 Prozent im zweiten Quartal verlangsamt hat. Auch die Inflation ist gesunken: von 1,3 Prozent im Juni auf 1,1 Prozent im Juli. „Eine Verbesserung der Daten erwarten wir nicht“, sagt Zangana.

Laut Draghi sind es vor allem geopolitische Risiken und der Handelsstreit zwischen China und den USA, die die europäische Notenbank zum Handeln veranlasst haben. „Das ist besorgniserregend“, warnt Zangana. Denn: Das Instrument der geldpolitischen und quantitativen Lockerung habe keinerlei Einfluss auf den Ausgang der Verhandlungen im Handelskrieg. „Weitere Lockerungen können höchstens die inländische Nachfrage etwas stützen. Die Auswirkungen dürften aber bestenfalls geringfügig positiv ausfallen“, so der Schroders-Ökonom.

„Die Frage ist: Sind die wenigen Vorteile, die die EZB durch heutige Maßnahmen erreichen kann, es wert, deren Kosten zu tragen?“ gibt Zangana zu bedenken. „Weitere Zinssenkungen werden die Rentabilität der Banken noch mehr beeinträchtigen, was wohl kaum Anreize für eine weitere Kreditvergabe bieten dürfte“, so der Experte. Und auch der Schaden, den die Rentensysteme durch die Niedrigzinsen davontragen, rechtfertige kaum ihren Nutzen.

Stattdessen seien die Mitgliedstaaten der EU gefragt. „Regierungen müssen die Nachfrage durch steuerpolitische Maßnahmen fördern. Das gilt besonders für jene Staaten, bei denen im Hinblick auf den Staatshaushalt noch Luft nach Oben ist“, so der Ökonom. Dies gelte vor allem für Staaten wie Deutschland und die Niederlande.

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