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Experten

Schroders
Montage einer Windkraftanlage in Bottrop: Im Jahr 2020 dürften zum ersten Mal seit 20 Jahren weniger Grünstromanlagen errichtet werden als im Vorjahr | © imago images / Rupert Oberhäuser

Erneuerbare Energien Drei Risiken für die Energiewende

Die Luftverschmutzung hat in vielen Regionen nachgelassen – dies dürfte allerdings nur ein kurzfristiger Effekt sein. Für die Energiewende stellt die Krise jedoch ein großes Risiko dar, warnt Mark Lacey, Fondsmanager bei Schroders.

26.05.2020 - 13:07 Uhr | in Schroders

Die globale Ausbreitung von Covid-19 hat die Wirtschaft und unser Alltagsleben dramatisch verändert. Eine erkennbare Folge der Krise ist, dass die Luftverschmutzung aufgrund der geringeren Wirtschaftstätigkeit in vielen Regionen nachgelassen hat. Doch dies könnte nur eine kurzfristige Auswirkung sein – und für die Energiewende stellt die Krise ein großes Risiko dar.

Gleichzeitig hat der heftige Ausverkauf am Aktienmarkt im Februar und März Chancen bei jenen Aktien eröffnet, deren Bewertungen zuvor überzogen waren. Daran, dass sich Investments in die Energiewende weiterhin langfristig lohnen, hegen wir keinen Zweifel: Wenn die Welt den Temperaturanstieg auf unter 2 Grad Celsius beschränken möchte, so wie dies im Pariser Klimaabkommen von 2015 festgelegt wurde, kommt der Energiewende eine entscheidende Rolle zu. Hierbei handelt es sich um eine langfristige Anlagemöglichkeit, die das gesamte Energiesystem in den kommenden 30 Jahren und darüber hinaus grundlegend verändern wird.

Doch welche Risiken schafft die Pandemie für Aktien, die von der Energiewende profitieren? Die betreffenden Unternehmen sind mit drei Hauptrisiken konfrontiert: Der gesunkenen Nachfrage der Verbraucher, Schwierigkeiten entlang der Lieferkette und den Folgen von Unsicherheit und Reisebeschränkungen.

Der Wirtschaftsabschwung wird die Nachfrage der Verbraucher dämpfen

Trotz aller Ungewissheiten um die weitere Entwicklung der Infektionskurven und die zukünftigen politischen Gegenmaßnahmen ist eines klar: Das Wirtschaftswachstum wird sich – zumindest kurzfristig – stark abschwächen. Das dürfte negative Auswirkungen auf die Nachfrage in wichtigen Endmärkten haben. Dazu gehört die Nachfrage nach Elektrogeräten, Elektrofahrzeugen und Energietechnik für Wohngebäude. Darunter werden kurzfristig zweifellos jene Unternehmen leiden, die auf den Märkten für Elektroausrüstung und Batterien aktiv sind.

Risiken rund um Lieferketten und Logistik

Das zweite Hauptrisiko betrifft die Lieferketten und die logistischen Risiken, denen Unternehmen aus den unterschiedlichen Teilsektoren der Energiewende ausgesetzt sind. China beherrscht die weltweiten Lieferketten und nimmt insbesondere bei der Produktion von Solaranlagen und Lithium-Ionen-Batterien eine Vormachtstellung ein. Da die Regierung die Bewegungsfreiheit im Land eingeschränkt hat, konnte die Produktion in chinesischen Fabriken nach dem chinesischen Neujahr nur in begrenztem Umfang wieder hochgefahren werden. In vielen anderen Ländern wurde die Produktion ebenso stillgelegt.

Gleichzeitig wurden auch die globalen Transportnetze eingeschränkt. Die logistischen Schwierigkeiten aufgrund der Lockdowns haben also nicht nur zu einem geringeren Produktionsvolumen in den Fabriken geführt. Viele Werke bekommen auch keine Rohstoffe und Bauteile geliefert.

Wir sind der Ansicht, dass Entwickler im Bereich der erneuerbaren Energien am stärksten von der Unterbrechung der Lieferketten betroffen sein könnten. Denn wenn keine Geräte geliefert werden, könnte dies den Bau von Anlagen weltweit verzögern. Es könnte auch dazu führen, dass die Preise von Bauteilen steigen – ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Rentabilität von Projekten geht.

Dieses Risiko hat sich bereits bemerkbar gemacht. Das volle Ausmaß etwaiger Auswirkungen wird jedoch davon abhängen, wie hoch die Produktionsausfälle aufgrund des Virus sein werden und ob sie sich in den nächsten Monaten fortsetzen. Hinzu kommt, dass wir die Effekte erst verzögert sehen. So dürften beispielsweise viele Projektentwickler, insbesondere in den USA, bereits Lieferungen erhalten haben, die für ihre Bauprojekte im laufenden Jahr bestimmt sind.

Folgen von Unsicherheit und Reisebeschränkungen

Das dritte Risiko steht im Zusammenhang mit der weltweit gestiegenen Unsicherheit und den Reisebeschränkungen, die dazu führen könnten, dass neue Projekte für erneuerbare Energien verzögert oder verschoben werden. 2020 sollte ein Rekordjahr für weltweite Windkraft- und Solaranlagen werden – und neue Module aus China waren für dieses Szenario von zentraler Bedeutung. Aufgrund der Reisebeschränkungen und der Schwierigkeiten bei der Sicherung von Investitionen für Bauprojekte ist es jedoch wahrscheinlich, dass sich Projekte verzögern. Auch hier hängt das volle Ausmaß etwaiger Auswirkungen davon ab, welche politischen Gegenmaßnahmen weltweit ergriffen werden.

Bewertungen sind wieder vorteilhaft

Anfang Februar machten die Bewertungen in Teilen des Energiewende-Sektors allmählich einen überzogenen Eindruck, zumindest kurzfristig. Die nachfolgende Grafik zeigt, dass die Bewertungen von an der Energiewende beteiligten Unternehmen drastisch eingebrochen sind, als sich der weltweite Ausbruch von Covid-19 im März verschärfte.

Inzwischen sind die Bewertungen nicht mehr so überzogen. Dies hat Chancen bei hochwertigen Unternehmen eröffnet, die wir zuvor aufgrund ihrer Risiko-Ertrags-Verhältnisse als zu teuer erachtet hatten. Ein Risiko bei der Beurteilung von Bewertungen besteht darin, dass wir den weiteren Verlauf der Pandemie und die genauen wirtschaftlichen Folgen nicht prognostizieren können. Um die potenziellen Auswirkungen zu verstehen, stehen wir daher im engen Kontakt mit Unternehmen.

Energiewende nach wie vor ein langfristiges Thema

Uns ist bewusst, dass die kurzfristigen Risiken rund um das Corona-Virus hoch sind, insbesondere im Hinblick auf die Gewinneinbrüche im Jahr 2020. Der langfristige Wert und das Potenzial von Unternehmen, die an der Energiewende beteiligt sind, haben sich in unseren Augen jedoch nicht wesentlich verändert. Denn: Auch wenn das Corona-Virus das Weltgeschehen beherrscht, müssen die Treibhausgasemissionen immer noch reduziert und das Tempo des Klimawandels gebremst werden. Zwar hat die Luftverschmutzung aufgrund der geringeren Wirtschaftstätigkeit in vielen Regionen nachgelassen. Wenn wir die Luftqualität langfristig verbessern und gleichzeitig zu einer normalen Wirtschaftsaktivität zurückkehren möchten, sind Investitionen in die Energiewende jedoch unabdingbar.