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Wolfgang Bauer, Anleihenexperte von M&G-Investments: Die EZB könnte die „Big Bazooka“ einsetzen | © M&G

EZB-Zinssitzung am 12. März Drei Szenarien für die Beruhigung der Märkte

Der 9. März wird wohl in die Geschichte schwarzer Börsentage eingehen. Nun richten sich aller Augen auf die EZB vor ihrer geldpolitischen Sitzung am Donnerstag. Wolfgang Bauer, Fondsmanager im Anleiheteam von M&G-Investments, analysiert die Handlungsoptionen der Zentralbank.

10.03.2020 - 14:58 Uhr | in Artikel

Meiner Ansicht nach stehen der EZB in dieser Woche im Wesentlichen drei Optionen zur Verfügung:

Wirkungsvoll, aber riskant: Die „Big Bazooka“

Es wäre der Versuch, den Effekt von Mario Draghis legendärer Aussage „Whatever it takes“ zu wiederholen und eine sofortige Beruhigung der Märkte zu erreichen. In diesem Szenario handelt die EZB mutig: Die Zinssätze werden um mindestens 25 Basispunkte gesenkt, was den Einlagenzins auf -0,75 Prozent und damit auf den Leitzins der Schweizer Nationalbank bringen würde. Das Ankaufvolumen wird auf mehr als 80 Milliarden Euro monatlich erhöht, vielleicht auf 100 Milliarden Euro. Und um den Investoren zu signalisieren, dass die EZB über noch mehr Feuerkraft verfügt, werden darüber hinaus die Regeln des Ankaufprogramms geändert. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass die EZB ihren Fokus stärker auf italienische Staatsanleihen richtet – ein politisch sicher höchst umstrittener Schritt, aber möglicherweise gerechtfertigt, da Italien derzeit am stärksten vom Ausbruch des Coronavirus betroffen ist. Darüber hinaus könnte sich die EZB entscheiden, auch Bankanleihen in das Kaufprogramm aufzunehmen, die zwar gut ein Drittel der europäischen Unternehmensanleihemarktes ausmachen, aber bisher von den Notenbankmaßnahmen ausgeschlossen sind. Für die Banken, die unter noch niedrigeren Zinsen besonders leiden, wäre dies eine willkommene Unterstützung.

Diese Bazooka-Strategie ist jedoch nicht ohne Risiko. Wenn es klappt, wird Christine Lagarde sofort zum Superstar der Zentralbanker. Wenn nicht, kann der Schlag leicht nach hinten losgehen, könnten die Finanzmärkte und die Realwirtschaft weiter einbrechen und alle wüssten, dass die EZB am Ende ihrer Kräfte ist.

Wahrscheinlich, aber nur halbherzig: Maßvolle Reaktion

Das wahrscheinlichste Szenario ist gleichzeitig das am wenigsten wünschenswerte. Die EZB könnte die Zinsen moderat – möglicherweise um 10 Basispunkte – senken, was den Einlagenzins auf -0,6 Prozent bringen würde. Die Nettokäufe könnten gleichzeitig auf 60 oder 80 Milliarden Euro pro Monat steigen, was zwar eine Vervielfachung des aktuellen Niveaus von 20 Milliarden Euro wäre, aber dieselbe Größenordnung wie bereits in den Jahren 2015 bis 2017 bedeutet. Die Gefahr solch maßvoller Schritte liegt allerdings darin, dass sie einerseits nicht ausreichen, um die Krisenstimmung zu beruhigen und den Märkten wieder Vertrauen einzuflößen – und dass die EZB andererseits einen Teil ihrer Kapazitäten aufbraucht und einer möglichen weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Gut begründet, aber unwahrscheinlich: Business as usual

In diesem Szenario würde die EZB zwar die erhöhten Risiken für die Wirtschaft anerkennen, ihren aktuellen geldpolitischen Kurs jedoch unverändert lassen und darauf verweisen, dass die Verantwortung für die Bewältigung der Viruskrise in erster Linie bei der Politik liegt. Der Einlagensatz würde somit weiter bei -0,5 Prozent liegen und das Nettoankaufsvolumen im Rahmen des Asset Purchase Programme (APP) wie bisher monatlich 20 Milliarden Euro betragen. Angesichts der hohen Erwartungen ist dies jedoch aus meiner Sicht kein sehr wahrscheinliches Ergebnis, denn allein die Vermeidung der mit Spannung erwarteten Zinssenkung könnte weitere Turbulenzen auslösen. Und wenn die EZB als gefühlt einzige Zentralbank keine Maßnahmen ergreift, würde der Euro noch weiter aufwerten – und das wäre ein starker Gegenwind für die exportorientierte europäische Wirtschaft.

Ich gehe davon aus, dass die EZB am Donnerstag aktiv wird, um die Märkte zu beruhigen und gleichzeitig den Aufwärtsdruck auf den Euro abzumildern. Aber Christine Lagarde ist nicht zu beneiden. Und im Moment ist es riskant, auf ein bestimmtes geldpolitisches Ergebnis zu wetten.