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EZB-Chefin Christine Lagarde: Der Markt kann sich wohl auch 2020 auf die Zentralbanken verlassen  | © Getty Images

Makroökonomie „Thanksgiving“ für die Zentralbanken

In den vergangenen Jahren hat sich angedeutet, dass Wohl und Wehe der Märkte ungeachtet der Gewinnentwicklung der Unternehmen ganz allein von den Zentralbanken abhängt, beobachten Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, und Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei La Financière de l‘Échiquier.

04.12.2019 - 15:01 Uhr | in Artikel

An dem amerikanischen Feiertag Thanksgiving wird traditionell an die Erntedankfeierlichkeiten der Pilgerväter im Herbst 1621 erinnert. Er fiel in diesem Jahr genau passend und markierte einen außergewöhnlichen Anstieg bei den US-Aktien, denn diese bescherten dem  S&P 500 dreimal neue Höchststände. Der Index verzeichnete am Tag vor Thanksgiving ein Plus von mehr als 28 Prozent (in US-Dollar, mit Dividenden) im Vergleich zum Jahresanfang. In Europa war der Anstieg nahezu ebenso stark.

Welcher Macht sollten die Anleger ihre „Danksagung“ nun darbringen?
Etwa den Unternehmen? Ganz bestimmt nicht! Das ist das Paradoxe an 2019: Das Börsenjahr ist außergewöhnlich, obwohl für die Gewinne im S&P 500 und im Euro Stoxx 50 kein oder sogar ein negatives Wachstum erwartet wird.

Diese Kraftlosigkeit der Gewinne ist überdies irritierend, denn das US-Wirtschaftswachstum ist robust. Für 2019 wird es (inflationsbereinigt) auf rund 2,3 Prozent geschätzt. Damit lässt sich wieder einmal feststellen, dass Wirtschaftswachstum und Gewinnzuwachs nicht zwingend Hand in Hand gehen. Gleiches gilt für das Gewinnwachstum und die Kursanstiege an der Börse. Schlimmstenfalls ist es wie 2018 ein außergewöhnliches Jahr für die Gewinne, aber ein schreckliches Jahr für die Börsen. Bestenfalls läuft es wie in diesem Jahr.

Müssen die Anleger ihr „Thanksgiving“ also den politischen Entscheidungsträgern dieser Welt darbringen? Das wäre ebenfalls paradox, denn diese haben die Welt der Wirtschaft durch den Handelskrieg zwischen den USA und China, durch die ständigen Wendungen im Brexit-Streit und durch ihr Zaudern im Umgang mit sozialen („Gelbwesten“ in Frankreich) oder politischen (aktuell in Hongkong) Unruhen aufgewühlt.

Aber wem denn dann? Den Zentralbanken natürlich! In den letzten Jahren hat sich angedeutet, dass Wohl und Wehe der Märkte ungeachtet der Gewinnentwicklung ganz allein von ihnen abhängt. 2018 war ein Rekordjahr für das Gewinnwachstum, aber für die Börsen eine Katastrophe. Die Fed straffte damals die finanziellen Bedingungen. 2019 hingegen ist ein Jahr mit null Gewinnwachstum, dafür läuft es für die Börsen indes ausgezeichnet. Kein Wunder, denn die Fed hat ihren Kurs Anfang 2019 geändert. Diese starke Korrelation kann kein Zufall sein.

Was ist nun für das anstehende Jahr 2020 zu erwarten? Wird es ein Jahr der Gewinne werden? Will man aus den jüngsten Erfahrungen eine Lehre ziehen, sollte man in dieser Frage vor allem die von den Zentralbanken gesendeten Signale beachten. Denn diese fahren weiterhin einen sehr lockeren geldpolitischen Kurs. So kauft die Fed in großen Mengen Treasury Bills, erklärt jedoch offiziell, kein Quantitative Easing zu betreiben, da es sich bei diesen Papieren um Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit handele. Dennoch hat sie den Liquiditätshahn wieder aufgedreht, denn der Markt kommt nicht mehr ohne zurecht. Die Europäische Zentralbank tätigt unterdessen weiterhin unbegrenzt Wertpapierkäufe. Gleiches gilt für die Bank of Japan. Auch China pumpt über verschiedene Kanäle Liquidität in die Wirtschaft.

Die gute Nachricht bei alledem ist, dass sich der Markt auch 2020 auf die Zentralbanken verlassen können dürfte. Vermutlich sogar für viele weitere Jahre, denn ein deutlicher Anstieg der Zinssätze erscheint in Anbetracht der weltweiten privaten und öffentlichen Schuldenstände nicht möglich. Die Zentralbanken sind angesichts dieser Schuldenstände in einer Zwangslage und können nicht offensiver vorgehen. Der Markt wird sich bei ihnen hierfür noch lange bedanken.