Sie besuchen Multiasset.com mit einem veralteten Internet Explorer. Darstellung und Nutzungserlebnis sind deshalb nicht optimal.
Aktuelle Version kostenlos herunterladen »
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Die Politik wird noch längere Zeit gefragt bleiben; eine V-förmige Erholung wird immer unwahrscheinlicher | © imago images / Xinhua

Marktkommentar BlueBay „Die EU muss jetzt dringend Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen“

„Sobald aufgrund rasch steigender wirtschaftlicher Not die EU-Bürger nach Sündenböcken zu suchen beginnen, entsteht für den Zusammenhalt der europäischen Staatengemeinschaft ein immenses Risiko“, warnt Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

27.04.2020 - 10:49 Uhr | in Artikel

Die Entwicklungen an den Energiemärkten standen jüngst im Fokus der Marktteilnehmer. Die Ereignisse werden in historischer Erinnerung bleiben, weil die Ölpreise erstmals im negativen Bereich gehandelt wurden. Eine notorische Lagerknappheit suggerierte uns schon zuvor, dass negative Ölpreise kurzfristig ein Risiko darstellten, doch das Ausmaß des Zusammenbruchs des Frontkontrakts, ein weiteres „Schwarzer Schwan“-Ereignis, überraschte auch uns. Es ist davon auszugehen, dass der Abwärtsdruck auf Öl in den nächsten Monaten weiter anhält. Erst im Verlauf des Jahres 2021 sind Preise über 35 US-Dollar zu erwarten, solange sich die Weltwirtschaft zu diesem Zeitpunkt von der Covid-19-Krise erholt. Der Ölpreisabsturz verdeutlicht nicht zuletzt die Gefahren, die mit Finanzprodukten wie ETFs verbunden sind: Während der Ölpreis negativ gehandelt werden kann, besteht die Gefahr, dass die Verluste der ETFs auf die Emittenten zurückfallen – was deren nachhaltige Liquidität in Frage stellt.

Mit Blick auf die Eurozone muss von der Politik eines dringend in die Wege geleitet werden: Die Zinskurvenkontrolle ist auf alle Zinskurven in der Eurozone anzuwenden – nicht nur auf deutsche Bundesanleihen. Andernfalls wird eine Verschärfung der finanziellen Bedingungen in der Peripherie jegliche Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Ländern wie Italien und Spanien, die am stärksten von der Krise betroffen sind, ersticken. Christine Lagardes Bemerkungen auf der letzten EZB-Pressekonferenz, dass sie dies nicht für ihre Aufgabe hält, desavouieren die EZB-Chefin weiterhin in den Augen des Marktes und ermutigen diejenigen, die Short-Positionen in der Peripherie eingehen wollen – in der Annahme, dass eine ungeschickte Politik der europäischen Zentralbank ein Auseinanderbrechen der Eurozone befeuert. Immerhin: Die Ankündigung, dass die EZB Fallen Angels-Anleihen, deren Ratings unter Investment Grade abgesunken sind, als Sicherheiten akzeptieren will, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Politik wird noch längere Zeit gefragt bleiben: Eine V-förmige Erholung wird immer unwahrscheinlicher. Für die EU ist jetzt dringend geboten, Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen: Die größte Bedrohung für die Stabilität der Eurozone geht von der Politik aus. Aufgrund der rasch steigenden wirtschaftlichen Not werden die Bürger nach Sündenböcken suchen. Hier entsteht ein immenses Risiko, wenn die Wähler in Ländern wie Italien den Schluss ziehen, dass die EU schuldig an ihrer persönlichen Misere ist.

Die Nachrichten rund um das Virus werden in den nächsten Wochen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Marktes stehen. Da die Sterblichkeits- und Infektionsraten in Europa und den USA moderat sind, wird sehr genau geprüft werden, inwieweit sich diese Zahlen bei den bevorstehenden Lockerungsübungen wieder beschleunigen. In diesem Zusammenhang ist die Zunahme der Infektionsfälle in Japan und Singapur in jüngster Zeit besorgniserregend: Die Lage in den Ländern in Asien, die der Pandemie-Entwicklung voraus waren, ist daher genau zu beobachten.

Die Bewältigung der globalen Großaufgabe Covid-19 wird wahrscheinlich ein langwieriger Kampf. Wir erinnern uns: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ging man davon aus, dass „bis Weihnachten alles vorbei“ sein würde. Die düstere Realität der Grabenkämpfe zog sich dann noch jahrelang hin.

Zum Podcast von Mark Dowding gelangen Sie hier.