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Proteste gegen Corona-Beschränkungen vor dem Bundestag in Berlin: Deutschland ist weniger stark von der Krise betroffen als andere EU-Mitgliedsstaaten | © imago images / Rüdiger Wölk

Strategische Asset-Allokation Deutschlands Wettbewerbsvorteil wird sich verstärken

Nach den massiven Einbrüchen im März legten Risikoanlagen im April wieder zu. Treiber dieser Entwicklung sind die massiven Unterstützungsmaßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik. Dennoch bleibt kurz- und mittelfristig die Unsicherheit für Anleger hoch, meint Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild AM.

12.05.2020 - 15:48 Uhr | in Märkte

Mit Ausnahme von Deutschland produziert kein westlicher Staat ausreichend Tests, um infizierte Personen in Quarantäne schicken zu können. Und es ist nicht einmal klar, ob die zur Verfügung stehenden Schutzmasken ausreichen werden, kommentiert Melman die medizinische Seite der Corona-Krise. Da es zudem bis zu zwölf Monate dauern könne, bis mit wirksamen Impfstoffen zu rechnen sei, dürfte die soziale Distanzierung noch länger anhalten – was die Wirtschaft weiterhin massiv belastet.

Kluft zwischen den EU-Staaten wächst

Auch der nächste Konjunkturzyklus dürfte von deutlich höherer Unsicherheit geprägt sein als in den vergangenen Phasen. Denn während Unternehmen gewöhnliche Rezessionen dazu nutzen, ihre Verschuldung zu reduzieren und ihre Ertragsfähigkeit zu steigern, sind die Vorzeichen diesmal anders: Diejenigen Unternehmen, die die Krise überstehen, dürften danach eine noch höhere Verschuldung und vermutlich geringere Margen aufweisen, ist der Experte überzeugt. Die Anzahl sogenannter „Zombie-Unternehmen“ dürfte daher zunehmen, insbesondere da die politischen Entscheidungsträger alles daransetzen, die Zahl der Insolvenzen so gering wie möglich zu halten und damit auch weniger rentablen Unternehmen einen Fortbestand zu ermöglichen.

Für Unsicherheit sorgt nach Ansicht von Melman auch die im Zuge der aktuellen Krise nochmals gesteigerte Verschuldung vieler Staaten – die verringert werden müssen. Dabei würde jedoch einerseits ein zu frühes Umlenken die wirtschaftliche Erholung behindern und daher kontraproduktiv wirken. Andererseits wären zu späte Maßnahmen sehr gefährlich angesichts der ohnehin bereits hohen Schuldenbelastung der öffentlichen Hand.

Die für die Euro-Staaten vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass Deutschland von der Krise weniger stark getroffen wird als seine Partner – was die Schere der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der verschiedenen Länder noch weiter auseinanderklaffen lässt. Auf der anderen Seite werden Italien, Frankreich und Spanien belastet durch sehr hohe Staatsschulden schwächer aus der Krise kommen, so der Experte. Wenn die Regeln zur Staatsverschuldung wieder in Kraft treten, wird es darauf ankommen, innerhalb Europas eine sinnvolle politische und wirtschaftliche Vereinbarung zu finden.

Parallelen zu anderen Krisen?

In Bezug auf die Anlage-Allokation spricht das aktuelle Unsicherheitsniveau laut Melman für erhöhte Vorsicht. Daher haben wir nach der Erholung Anfang des vergangenen Monats und vor dem Treffen der Eurogruppe am 23. April unsere Gewichtung in europäische Aktien reduziert. Vorerst warten wir ab, wie die institutionelle Reaktion eines Europas ausfallen wird, das sowohl ökonomisch als auch politisch zunehmend heterogen ist.

Auch bei globalen Aktien ist die französische Fondsgesellschaft derzeit leicht untergewichtet, da die Situation sehr dynamisch ist und es sich um eine gänzlich neue Krise handelt. So ist die globale Wirtschaftsleistung in beispiellosem Umfang eingebrochen und auch die fiskal- und geldpolitischen Stimulusmaßnahmen besitzen einen enormen Umfang, sodass beträchtliche Kapitalbeträge auf dem Spiel stünden.

Laut Melman ist es daher nur sehr eingeschränkt möglich, Parallelen aus vorangegangenen Phasen zu ziehen, um die Auswirkungen der aktuellen Krise abschätzen zu können, wie er an folgendem Beispiel veranschaulicht: Seit dem 1. März hat sich die Bilanzsumme der US-Notenbank Federal Reserve um 2,41 Billionen US-Dollar ausgeweitet. Im Vergleich dazu war sie in den sechs Jahren nach der großen Finanzkrise und während der Umsetzung von vier quantitativen Lockerungsprogrammen um 3,6 Billionen US-Dollar gestiegen. Somit hat sich die Zentralbankbilanz bereits um zwei Drittel des Gesamtbetrages der größten und längsten jemals realisierten monetären Stimulus-Operation erhöht – in nur acht Wochen.